Neun Monate und neun Tage

Eigentlich wollte ich doch gar nie Kinder haben! Zumindest war das so bis ich 36 Jahre alt wurde. Aber dann hat es sich schlagartig geändert. Man könnte sagen von einem Tag auf den anderen. Oder vielleicht war es auch die biologische Uhr die plötzlich ganz laut zu ticken anfieng. Wir, das sind mein Freund Dänu und ich, waren in Malaysia und Thailand in den Ferien als mein Wunsch nach einem Kind konkrete Formen annahm. Dänu hatte nicht die leiseste Ahnung was sich da innert Stunden oder Tagen in mir zusammenbraute, und war dann auch so ziemlich überascht, schockiert, erfreut, und und und.... als ich ihm die Sehnsucht nach einem Kind bei einem feinen Nachtessen am Strand von Ao Nang (Thailand) mitteilte. Sechs Monate später war es dann soweit. Ich war also tatsächlich schwanger geworden. Die Freude war riesig aber leider nur von kurzer Dauer. Mitte Februar, nach zehn Wochen Schwangerschaft erlitt ich eine Fehlgeburt.

Die Trauer war gross, währte aber zum Glück nicht lange. Mitte April, zwei Tage vor unserem Abflug in Ferien (schon wieder nach Thailand, s'ist halt sooooo schön dort) hatte ich herausgefunden das ich wieder schwanger war. Wow, was für ein tolles Gefühl mit Baby im Bauch in die Ferien. Na ja, vielleicht war es ja doch nicht ganz so toll. Es fieng schon auf dem Flughafen an. Hatte ich nicht mal irgendwo gelesen das Fliegen eine Fehlgeburgt fördere? Plötzlich war sie da, diese Angst vor einem erneuten Verlust. Sie begleitete mich von nun an durch die ganzen 9 Monate Schwangerschaft. Manchmal war sie zum greifen nah, meistens auf Distanz, aber nie ganz verschwunden.

Ich konnte diese Thailandferien dann leider nicht ganz so geniessen wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war nicht zu fassen, das sonst so unübertrefflich gute Thai Essen schmeckte einfach nicht mehr, die Sonne strahlte viel zu erbarmungslos heiss vom Himmel und das Meerwasser war so warm wie Badewannenwasser. Ich sehnte mich nach unserer "währschaften" schweizer Küche, nach unseren kühlen Seen und Bergbächen und nach dem schweizer Klima das ab und zu ein kühlendes Regengüsslein verspricht.

Nach den überstandenen Ferien gieng ich mit klopfendem Herzen zum ersten mal zum Arzt. Und wie sich dort herausstellte war es nicht nur mein Herz das klopfte. Auf dem Ultraschallbildschirm konnte ich deutlich sehen das noch ein Herzlein in mir drinnen schlug. Was für ein umwerfender Moment!!! Ein Glücksgefühl das unmöglich in Worte gefasst werden kann! Ich war wieder voller Zuversicht und meine Angst wich für den Moment der unbändigen Freude auf mein Baby. Ich hätte die ganze Welt umarmen können.

In der 14. Schwangerschaftswoche liess ich einen Fruchtwassertest machen. über die Konsequenzen war ich mir nicht bewusst. Es hiess das ein solcher Test für über 35 Jährige sehr empfehlenswert sei da das Risiko eines behinderten Kindes (Trisomie 21 oder auch bekannt als Down Syndrom) deutlich höher ist als bei einer 20 - 30 jährigen Frau. über das was wäre wenn..... wollte ich mir keine Gedanken machen.

Zwei Wochen später kam ein Telefonanruf vom Spital. Die Sekretärin teilte mir mit , beide Elternteile sollten doch bitte in zwei Tagen vorbeikommen da etwas mit den Chromosomen nicht in ordnung sei. Augenblicklich brach eine Welt in mir zusammen. Und nun noch zwei lange Tage warten bis man Näheres erfährt? Als ich am Freitag mit Dänu nach Zürich in die Uniklinik fuhr war ich nur noch ein Häufchen Elend. Zwei Tage und Nächte hatte ich Rotz und Wasser geheult, und nun war es soweit, die Stunde der Wahrheit nahte. Dr. Zankl begrüsste uns mit den Worten: "ich hoffe Sie haben sich nicht allzu grosse Sorgen gemacht!" Es sei alles nicht mal halb so schlimm wie es womöglich tönte. Der Fruchtwassertest habe ergeben das mit dem 21 Chromosom alles in Ordnung sei. (bei Trisomie 21 ist das einunzwanzigste Chromosom dreifach statt zweifach vorhanden) Jedoch habe man "Abweichungen" beim 14ten und 15ten Chromosom entdeckt. Daraufhin hatte man meins und Dänu's Blut getestet, um dann festzustellen das ich der Vererber dieser "Abnormität" bin. Ich möchte aber nicht näher auf dieses Thema eingehen da dieser Bericht sonst viel zu lange und für die meisten möglicherweise viel zu langweilig würde. Da ich selber jedoch gesund und munter mitten im Leben stehe ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross das auch unser Kind gesund und munter durchs Leben schreiten wird. Auf jeden Fall war ich nach unserem Besuch bei Dr. Zankl in der Uniklinik wieder mal der glücklichste Mensch auf Erden.

Nachdem ich nun wusste das unser Büblein quitschfidel und pudelmunter seine Runden in seinem kleinen "Swimmingpool" schwamm, konnte ich wieder voller Freude in die Zukunft blicken. Nichts konnte mich mehr erschüttern. Abgesehen von den Blutungen in der 18ten Woche, den wilden (spitzen) Blatern in der 20igsten Woche und der Magendarmgrippe in der 22igsten Woche fühlte ich mich absolut euphorisch. Als dann nach ungefähr 20 Wochen Schwangerschaft zum ersten mal unser kleine "Fussballer" an meine Bauchdecke kickte, konnte ich mich nichts, aber auch gar nichts vorstellen das noch schöner wäre!!!!!

Von Tag zu Tag wurde der Kleine aktiver und meldete sich nun in regelmässigen Abständen, teilweise mit ziemlich unsanften Schlägen. Aber ich genoss jeden Kick und jeden Boxhieb. Ich liess bei jeder Attacke alles stehen und liegen um mich voll und ganz diesem wundervollen Gefühl hinzugeben. Die Wochen vergiengen, mein Bauch wurde immer dicker und mit der Zeit dann auch mein Hintern...... Nach 9 Monaten und 9 übertragungstagen brachte ich stolze 22 Kilos mehr auf die Waage. Eine beachtliche Fettreserve hatte ich mir da angefuttert, aber es hatte geschmeckt, und wie es geschmeckt hatte!!!!!!

13 Dezember, endlich war der grosse, heissersehnte Tag da. Heute sollte nämlich unser süsser kleiner Tim das Licht der Welt oder besser gesagt, das Licht der Neonröhre vom Gebärsaal im Limmi, erblicken. Ich war ganz kribbelig und horchte gespannt in mich hinein ob wohl schon irgendwelche klitzekleine Wehen zu spüren wären. Ich konnte mich aber noch so anstrengen, ich spürte nichts, rein gar nichts. Das sollte nun noch 8 lange Tage so weitergehen bis es dann endlich losgieng! Und dann, 20igster Dezember 23.00 h, endlich waren sie da die heissersehnten Wehen. Und wie sie da waren, mit voller Wucht, eine geballte Ladung Kraft............